Durststrecke, oder: they call them slow

Ja, eigentlich wollte ich mich schon viel früher wieder gemeldet haben. Eigentlich wollte ich einen weiteren strahlenden Blogeintrag verfassen, tolle Bilder zeigen, erzählen, wie super alles läuft und dass ich keine Sekunde bereue, kopfüber nach Canada gereist zu sein.

Letzteres tue ich tatsächlich nicht. Was alles andere angeht, inklusive meiner eigentlichen Idee, diesen Blog auf Englisch weiterzuführen, weil mich das Verfassen des letzten Eintrags mehrere Stunden gekostet und das Universum leider noch nicht auf meinen Antrag reagiert hat, die verfügbaren Stunden eines Tages auf 40 zu erhöhen, muss ich heute leider enttäuschen. Aber bevor sich der ein oder andere unter euch Sorgen macht, ob ich noch lebe (an dieser Stelle, Mama, Papa: I love you!), kommt hier wenigstens ein kurzer Rush durch meine letzten zwei Wochen und falls der an der ein oder anderen Stelle ziemlich frustriert klingt, entschuldige ich mich lieber nicht dafür, denn diesen Blog authentisch und so offen ich es ertrage zu führen, das war irgendwie mal der Anspruch.

Um also einzusteigen: Meine letzten Tage waren schwierig. Zwar wollte ich auf keinen Fall das Klischée bedienen und anfangen, die hiesigen Bedingungen mit denen in der Heimat zu vergleichen, tatsächlich hatte ich mir aber vorgestellt, es würde ähnlich einfach werden, hier einen Job in einem Café, einer Bar o. ä. klar zu machen. Aber gerade erfahre ich, dass erstmal alles bisher un-glaub-lich langsam ist. Und ob erfolgreich oder nicht, keine Ahnung, jedenfalls ist noch immer kein Job in Aussicht.

Ich klappere also mit meinem Resume in der Hand die Läden ab, checke die Jobbörsen, modifiziere meinen Cover Letter in einem Maße, das persönliches Interesse suggeriert. Dabei bin ich voller Zweifel (bin ich gut genug für einen Barista-Job? Sollte ich mir diese Frage als Ärztin überhaupt stellen, und ist das wiederum nicht ziemlich arrogant?), mache mir Sorgen, bin genervt, frage mich manchmal, was genau ich hier mache, mache mir Vorwürfe, mich nicht besser vorbereitet zu haben. Ziemlich genau dieselben Querelen-Muster also, die mich auch in Deutschland schon die ein oder andere ruhige Minute gekostet haben. Und während ich weiß, dass alles gut wird, ich mir trotzdem noch lange keine Sorgen um ein Abendessen machen muss, und ich weit vom Weltuntergang entfernt bin: Ich bin niedergeschlagen. Ich bin in dieser riesigen Stadt, verdammt weit weg, ich habe bessere und schlechtere Tage und Momente mit der Sprache, mit mir selbst, ich habe, keine Überraschung, alles, das mir Zuhause Probleme bereitet hat, mitgebracht, Fuß- und Rückenschmerzen, ein Selbstbewusstsein, von dem ich das letzte Jahr erwartet habe, dass es auch ohne einen prestigeträchtigen Job floriert (was es nicht tut), Momente, in denen ich einfach nicht verstehe, wer ich bin, wohin ich gehe, warum. Dabei ist die Jobsuche nur Katalysator für die großen Fragen an meine Reise, die nicht erst begonnen hat, als ich vor genau einem Monat ins Flugzeug gestiegen bin.

Ich bewerbe mich auch für andere Jobs: in der Bibliothek, bei einer nachhaltigen Bank. Ich habe ein Event aus dem Non-Profit-Bereich besucht, das sich als kollektives Jammern über die Widrigkeiten der Branche bei Sushi und freundlichem Desinteresse herausstellt. Es ist nicht das einzige Mal, dass ich danach wie im Film heulend im Regen stehe und nicht mehr weiß, warum ich nicht mit einem bequemen Assistenzarztgehalt kaufe, was mich glücklich macht (weitere Ausführungen spare ich an dieser Stelle mal ein, ihr, die ihr meinen Blog lest, kennt mich gut genug).

Alles wird gut. Aber gerade ist es hart, weil diese letzten Monate hinter mir liegen, weil ich müde bin und weil mir seit eineinhalb Jahren jeder Schritt, jedes fünf Minuten Stehen im Bus einfach nur weh tut, und weil noch nicht Frühling ist. Aber alles wird gut.

Und natürlich sind in den letzten zwei Wochen auch sehr schöne Dinge passiert. Ich bin mit Bruno nach Squamish gefahren und wir sind den Chief Trail gewandert. Ich habe unglaubliche Panoramen gesehen, habe noch mehr geheult, die schneebedeckten Berge bewundert, in die untergehende Sonne geblinzelt, absolute Stille genossen, das Leben gefeiert, im Dunkeln umsichtig meine Schritte setzend den Abstieg gemeistert. Ich habe mit Ella einen sonnigen Nachmittag im Queen Elizabeth Park im Südosten der Stadt verbracht, habe einige malerische Sonnenuntergänge an meinem Hausstrand in Kitsilano erlebt. Mit Patricia und Carlos bin ich mit dem Bus bis nach Deep Cove gefahren, wir sind zum Quarry Rock und noch weiter gewandert, mit viel mehr Menschen, aber ebenso schönem Ausblick. Beim jährlichen Stair Climb Event der British Columbia Lung Association habe ich einen Tag mit meiner Mitbewohnerin Amanda Freiwilligenarbeit geleistet und etwa 500 Feuerwehrleute aus dem ganzen Land registriert, die anschließend über 40 Stockwerke mit über 50 kg schwerer Ausrüstung erklommen haben, um Spenden zu sammeln. Durch den Lighthouse Park wandernd habe ich doch ernsthaft das erste Mal die Flossen eines Delphinpärchens aus dem Wasser blinzeln sehen, und auch eine Robbe ist da kurz gewesen. Einige Tage vorher wachte ein Weißkopfseeadler am Strand in Kits über den letzten am Horizont verglimmenden Lichtern.
Eine fleckige, aber wasserdichte Jacke aus dem Thrift Shop, allerhand andere Klamotten für einen Spottpreis, Kompensation meiner Selbstvorwürfe mein Gepäck betreffend (sick! immernoch!). Neuerliches Umherstreifen entlang des Capilano Rivers, kaltes Wasser, kopfüber, ein rauschender Chor.

Ich will wachsen. Ich will es schaffen. Ich will euch ja anrufen, aber ich brauche Zeit. Um wieder lieber zu mir selbst zu sein, mir zu verzeihen, ich selbst zu sein, in die Welt hinauszuschreien, wertvoll zu sein und das auch zu glauben, Vertrauen zu haben, nach vorne zu gehen, weiter, einfach nur nach vorn.

Currently reading: Braving the Wilderness by Brené Brown
Currently playing: Mr. Wind-up Bird by Haruki Murakami
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