No justice, no peace

Es war keine einfache Entscheidung, im Wissen, dass 1,5m Abstand nicht zu halten sein würden; gleichzeitig die Dringlichkeit spürend, sowohl internationalen Beistand zum Tod von George Floyd zu leisten als auch das Rassismus-Problem im eigenen Land zu adressieren, mit Vehemenz, denn wo Rassismus ist, sind auch Sexismus und Klassismus nicht weit.

Es ist Sonntag, der 07. Juli 2020. Wir stehen auf dem Willy-Brandt-Platz, in unserem Rücken der Leipziger Hauptbahnhof.

Immer wieder hören wir: No justice, no peace. Und: Black lives matter. Die Stimmung ist angespannt, so zumindest wird es von mir empfunden.
Ich streife durch die Menge, die körperliche Enge ist mir heutzutage unangenehm, ich blicke auf Blumenmasken und Fahrradtrolleys für Kinder, auch auf fast gänzlich vermummte, schwarz gekleidete Menschen. Ich mache Bilder, vor allem die Plakate interessieren mich. Dabei komme ich mir irgendwie illegal vor, ich habe auch ein bisschen Angst; sehr genau weiß ich, dass die Veröffentlichung von Demonstrationsfotos dafür sorgen kann, dass Abgebildete auf nazistischen Listen landen und/oder anderweitig unerwünschte Aufmerksamkeit bis hin zu Gewalterfahrungen fürchten müssen. Die anderen, die wissen ja nicht, dass ich alles tun möchte, um das zu verhindern, und gleichzeitig finde, dass auch Nicht-Presseleute eine öffentliche Demonstration dokumentieren können müssen. Eine junge Frau spricht mich an, nicht unfreundlich, auch nicht ohne Aggression. Ich lasse sie aussprechen, das fällt mir nicht ganz leicht, schließlich möchte ich mich erklären, ich möchte sagen: Ich bin eine von euch! Ich bedanke mich für ihren Hinweis, erkläre meine Absichten. Als sie geht, wirkt sie nicht überzeugt.

Auf dem Weg zur Demo radele ich in einem Strom überwiegend schwarz gekleideter Demonstrant*innen die Karl-Liebknecht-Str. hoch. Neben mir zieht ein Mannschaftswagen der Polizei nach dem anderen vorbei. Wertfrei beobachte ich diese Szene, während ich mitschwimme, weiter trete, davon hätte ich auch gerne ein Bild gemacht.

Meine neue Stadt: ein politischer Ort. Einer der Gründe, weswegen ich mich schon im Herbst letzten Jahres so zu ihr hingezogen fühlte. Außerdem nun Stadt meines neuen Arbeitsplatzes: plötzlich ist da wieder ein Alltag, piepsende Monitore, das sterile Grün des OPs, noch mehr neue Gesichter hinter Masken und eine sehr neue, sehr große Verantwortung. Die habe ich auch heute gespürt, als ich mich dazu entschied, meine Präsenz im kontinuierlichen Wandel hin zu einer offenen, menschenfreundlichen Gesellschaft in diesem Moment über die Vorsichtsmaßnahmen im Rahmen der Pandemie zu stellen.
Für mich eine der großen Lektionen meiner Gegenwart: wo kein Risiko, da keine Verantwortung.