Jeden Abend um sieben betreten in ganz Vancouver Menschen ihre Balkone oder die Veranda, öffnen die Fenster und holen die Kochlöffel raus, und geben sich, klatschend, gröhlend, auf Töpfe und Pfannen einschlagend, Mühe, den größtmöglichen Lärm zu erzeugen, um den frontline workers, den Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen, die dieser Tage ungefragt im globalen Fokus der Aufmerksamkeit stehen, Tribut zu zollen. Ich habe absolut nichts gegen Symbolik (obwohl diese mein Geräuschempfinden stört). Und ich habe nichts gegen Solidarität.
Deshalb richtet sich dieser Text nicht gegen Menschen, die ihrem Bedürfnis nachkommen, ihrer Solidarität gegenüber diesen Berufsgruppen Ausdruck zu verleihen. Dieser Text richtet sich generell nicht gegen eine Gruppe von Menschen, weil ich schlicht glaube, dass diese Art von Spaltung weder moralisch integer noch konstruktiv ist.
Im produktivsten Sinne möchte dieser Text darauf hinweisen, was währenddessen geschieht, vor und nach sieben Uhr, im Angesicht einer beispiellosen globalen Krise, im Jahr 2020:
Eine Intensivkrankenschwester fährt nun eine halbe Stunde mit dem Auto ins nächste Dorf, um einzukaufen. In ihrem örtlichen Supermarkt wurde sie von einer Nachbarin denunziert, durch ihre Arbeit den Virus in dem Geschäft zu verbreiten. Das Sicherheitspersonal verweist die Krankenschwester des Ladens.
Die Kollegin einer meiner Freundinnen aus dem Studium arbeitet eigentlich in einem ganz anderen Fach, aber zu Pandemie-Zeiten rotiert auch sie auf die eigens eingerichtete Corona-Station. Sie arbeitet 13 Stunden, jeden Tag. Sie setzt sich Risiken aus, ohne sich je aktiv dazu entschieden zu haben. Die Mitbewohnerin in ihrer 4er-WG, derzeit im Home-Office, fordert sie auf, sich eine neue Bleibe zu suchen.
Eine Notaufnahme-Ärztin aus Miami verliert per Gerichtsbeschluss das Sorgerecht für ihre vierjährige Tochter bis zu dem undefinierten Zeitpunkt des Endes der Corona-Pandemie. Wäre sie noch mit dem Vater ihres Kindes verheiratet, hätte es keine Möglichkeit gegeben, ihr temporär das Sorgerecht zu entziehen.
Meine Mitbewohner fordern mich auf, meinen Job als Screener von Krankenhauspersonal unverzüglich aufzugeben, andererseits müsste ich ausziehen.
Sie klatschen und klopfen jeden Abend für die healthcare heros at the front lines.
Außerdem:
Eine Woman of Color spielt mit ihren zwei Kindern im Park, der Vater der Kinder hat eine andere Hautfarbe. Die Polizei besteht darauf, die drei nach Hause zu begleiten. Sie könnten ja nicht sicher sein, dass dies wirklich ihre Kinder seien.
Mehrere US-Bundesstaaten versuchen den Zugang zu sicherer Abtreibung unter der Lesart von knappem medizinischem Equipment in Zeiten der Pandemie auszusetzen. Auch in europäischen Ländern ist dieser Zugang bedroht. In Deutschland werden durchführende Frauenärzt*innen weiterhin kriminalisiert, wenn sie den Schwangerschaftsabbruch als Leistung öffentlich aufführen.
Der humanitären Not in Geflüchtetenlagern mit Pandemie-getriggertem Nationalismus und Ignoranz zu begegnen, ist Ausdruck verstörender menschlicher Härte.
Marginalisierte gesellschaftliche Gruppen, darunter People of Color und Menschen mit Behinderungen, erleiden Einschränkungen lange ungehört, und haben ein höheres Risiko, im Rahmen der Pandemie zu versterben.
Laut Donald Trump seien ältere Menschen gerne bereit, ihr Leben für die amerikanische Wirtschaft zu geben.
Das ist alles SO falsch.
Ich schreibe diesen Text auch auf der Suche nach persönlicher Entlastung. Ich fühle mich ohnmächtig und wütend. Ich weiß und sehe, dass Menschen wunderbare Dinge tun, um sich dieser Tage gegenseitig zu unterstützen. Gleichzeitig bringt diese globale Krise Selbstsucht, politische Instrumentalisierung und abstoßenden Sozialdarwinismus hervor.
Ich wünsche mir, dass jeder einzelne, der morgen Abend wieder zum Kochlöffel greift, seinen Worten Taten folgen lässt. Seinen Teil zur Bewältigung dieser Pandemie beizutragen, ohne andere zu denunzieren. Lösungen für Wohnsituationen zu finden, ohne Ultimaten zu stellen. Gegen systematische und wiederholte antifeministische Instrumentalisierung einzutreten, jetzt und in Zukunft. Solidarität mit allen Teilen unserer Gesellschaft und unserer Welt zu verbalisieren und zu praktizieren und nicht das eigene Wohlbefinden über alles zu stellen.
Nicht, weil das meine Meinung ist. Sondern schlicht: weil es das Richtige ist.
PS: Am Freitag Abend trete ich meine Rückreise nach Frankfurt an und begebe mich nach meiner Ankunft (und einige Zeitzonen später) Sonntag früh in zweiwöchige Quarantäne. Ich hoffe, in wenigen Wochen meine erste Stelle als Ärztin in Deutschland antreten zu können.
Take care.