
Jetzt bin ich ja schon eine Weile wieder in Deutschland. Seit dem 19. April, um genau zu sein. 23 Tage, fast ein ganzer Monat. Es fühlt sich absurd an, dass ich in 12 Tagen 27 Jahre alt werde. Die Zeit fühlt sich an wie angehalten und als ob nichts passiert und trotzdem gehen wir ja jeden Abend ins Bett und stehen wieder auf und dann ist eine andere Jahreszeit.

In genau drei Wochen ist mein erster Arbeitstag. Naja, also außer er ist an Pfingstmontag. Das weiß ich jetzt noch nicht so genau, ebenso wenig, wo ich dann wohnen werde. Gut ist, dass ich jetzt ziemlich genau ein Jahr Zeit hatte, mit dem Gefühl Unsicherheit, uncertainty, zu leben.* Irgendwie ironisch, dass ich jetzt willentlich in einen Abschnitt großer Sicherheit zurückkehren kann, während so viele Menschen keine Entscheidung darüber treffen konnten, nie gekannte Unsicherheit auszuhalten. Dabei ändert meine Überzeugung, dass diese Leben ist, nichts an meinem Mitgefühl.
Coach und frühere Harvard-Frauenrechts-Anwältin Kara Loewentheil hat zu diesem Thema kürzlich eine interessante Podcast-Folge veröffentlicht, in der sie unsere zu einem guten Teil absurden und wenig produktiven Denkmuster dechiffriert, die uns in der Theorie das unangenehme Gefühl der Unsicherheit umgehen lassen sollen. Dabei heraus kommt, meiner Meinung nach insbesondere in weiblich sozialisierten Gehirnen, häufig destruktive, schambehaftete Starre.
Ich bin nicht mehr der Meinung, dass wir uns selbst belügen, wenn wir unser inneres Narrativ neu ausrichten. Ich bin heute erschrocken darüber, wie begrenzt und eng die Welt ist, wenn Schuld, Selbsthass und Angst vor negativen Gefühlen meine angeblich scharfsichtigen und über alle Zweifel erhabenen Berater bleiben.
Den Corona-Zeiten verdanke ich womöglich den Impuls, dass ich nun seit gut zwei Monaten jeden Tag Yoga übe. Ich übe zu atmen, zu expandieren, Ketten zu sprengen, Raum einzunehmen, zu entfalten, zu sprießen, zu blühen – loszulassen, mich hinzugeben, zu vertrauen, zu vergeben, mir selbst, Wut zuzulassen, mich berechtigt zu fühlen. Ich übe zu verstehen, dass ich nicht mehr pausenlos den Kiefer verkrampfen, den Kopf einziehen, die Luft anhalten muss, während Geist und Körper schon längst voneinander abgedriftet sind. Ich erlaube mir, jeden Tag mehr daran zu glauben, dass diese Zeiten vorbei sind.
Yoga bedeutet to show up for yourself, das treffende Wording der wunderbaren Adriene, und das bedeutet nicht weniger Selbstverantwortung, nur weil wir weiblicher Hippiesport dazu sagen. Hier bin ich. Entschlossen, zuzuhören, nicht mehr nur den anderen, anzuerkennen, nicht mehr nur anzuzweifeln, und zu handeln, in einer ganz körperlichen Sinnlichkeit.
Ist es nicht merkwürdig, dass ich eine gebildete, auf dem Papier freie junge Frau sein kann, die sich über Debatten zum Thema Geschlechtersozialisation lustig gemacht und sich dagegen verweigert hat, Feministin genannt zu werden, und es über zehn Jahre bewussten Denkens und mittelbewussten Lebens bedurfte, zu verstehen, dass fehlendes Zugehörigkeitsgefühl, Körperdissoziation und sexuelles Gewalterleben nicht mein Privatproblem sind, sondern vielmehr Teil der Struktursystemik ist, dass ich noch davon überzeugt bin, einfach nicht selbst genug dagegen zu tun?
Aus der ursprünglichen Idee, mit diesem Blog meine – zugegeben – inakzeptablen Antwortzeiten auf Nachrichten ausnahmslos aller Menschen, die ich gerne mag, ein wenig zu relativieren und dabei durch Kanada zu reisen, ist ein Abend im Mai mit Rotwein zurück in meiner WG in Leipzig geworden. Anderes Zimmer, neuer Staubsauger, Katzen kuschelig und Yogamatten-zerstörend wie eh und je. Zwar verspricht die Blogfrequenz die Antwortzeiten noch zu unterbieten; die Lust aber, nicht nur am Schreiben, sondern am Teilnehmen, am Verlautbaren meiner eigenen Stimme, der Idee, Zugehörigkeit durch Räume und Offenbarung erst zu erschaffen, die ist geblieben. Und sie braucht nicht Originalität, sondern Authentizität, und sowieso keine Berechtigungsabsolution.
Bis mir etwas anderes einfällt, bleibt dies ein persönlicher Blog, auf dem es um Feminismus gehen wird, um Leidenschaft für veganes Kochen (vorausgesetzt, ich finde je wieder eine Wohnung) und womöglich auch darum, wie das so ist als Ärztin und mit Anästhesie.

Am 16. Mai 2019 habe ich Examen gemacht. Rund ein Jahr später ist das meiste anders gekommen als erwartet, was nicht überraschend und nicht minder aufregend ist. Dankbar bin ich heute vor allem für alle großartigen Frauen, die mich im zarten Alter von 26 die Bedeutung von Vorbildern lehren, mich verstehen lassen, dass Inspiration nicht Luxus, sondern am Leben Sein bedeutet, mir Zugehörigkeitsgefühl schenken und Raum lassen, Ideologie und Indoktriniertheit ablehnend nach dem zu suchen, was uns weiter und näher zusammenbringt, aber ohne, dass wir schweigen müssen, sondern so, dass wir mitteilen können, wie verheißungsvoll sich Veränderung anfühlt.
*Ich vermisse Englisch. Es war eine wunderschöne Erfahrung, zu erleben, dass das Begreifen von Kultur über Sprache gelingt, und durch sie habe ich das Selbstbewusstsein gewonnen, die Tür zu einer unerschöpflichen Welt neuer Ressourcen aufzustoßen. Mehr darüber möchte ich gerne künftig hier teilen.