Ankommen

19:17, ich sitze im Aufenthaltsraum des Hostels, habe gerade zu Abend gegessen und finde endlich Zeit und Muße für diesen Eintrag über meine erste knappe Woche hier.
Wie ich diesen Blog gestalte, in welcher Tiefe ich Einblicke gewähre, darüber habe ich in den letzten Tagen einige Male nachgedacht, und wie üblich ist die einzige Antwort, es eben so zu machen, wie es sich gerade richtig anfühlt.

Während ich am Montag den Tag vor allem damit verbringe, meine Umgebung das erste Mal bei Tageslicht zu Fuß zu erkunden, stehen vor allem Dienstag und Mittwoch ganz im Zeichen organisatorischer Notwendigkeiten: eine kanadische Sozialversicherungsnummer beantragen, ein Bankkonto eröffnen, eine SIM-Karte besorgen. Außerdem eine warme Jacke. Und Schuhe, die sich für meine ausgedehnten Spaziergänge nicht mit blutigen Füßen revanchieren.

Es fällt mir nicht ganz leicht, mir die ein oder andere irrationale Überlegung mein Gepäck betreffend zu verzeihen; ich fühle mich gestresst und unter Druck gesetzt, in den ersten Tagen schon einiges an Geld ausgegeben zu haben. Dass ich die Verfügungsmodalitäten meiner Kreditkarte durch verweigerte Transaktionen an der Kasse kennen lerne, kann da auch nicht gerade zur Beruhigung dieses Gefühls beitragen. Und obwohl ich mir bewusst bin, dass insgesamt trotzdem alles total okay ist und die unzähligen neuen Eindrücke sowie die Wohnsituation natürlich auch Ressourcen binden, fühle ich mich zwischendurch etwas niedergeschlagen und angestrengt.
Für Donnerstag nehme ich mir vor, meinen bisherigen Erfahrungen mit einem ersten Highlight zu begegnen und schließe mich am Vormittag trotz zunächst voller Teilnehmerliste noch dem Hostel-Ausflug zum Mount Cypress an, der zusammen mit Mt Grouse und Mt Seymour als einer der drei Hausberge der Stadt gilt. Mit Thermoleggins und Regenhose ausgestattet, bringt uns, eine Gruppe von knapp über 20 Hostelgästen, ein Bus in etwa 25 Minuten in die schneebedeckte Bergwelt.

Unentwegt rieselt neuer Schnee auf uns herab, während wir, mit den Schneeschuhen unter unseren Füßen, durch das Winterwunderland stapfen. Ich genieße es sehr, endlich etwas kanadische Natur zu sehen. Die schwindelerregenden Hochhäuser der Stadt, extremer Reichtum einerseits sowie Armut und Drogenproblematik andererseits sind ganz weit weg; nur der eigene Atem, das schweißtreibende Stapfen und das pulvrige Weiß um mich herum erfüllen mich. Wir trinken einen Kaffee und halten auf unserem Weg zurück noch an einem Aussichtspunkt mit Blick auf die Lions Gate Bridge an. Abends kann ich dann im Ausverkauf noch ein paar tolle Wanderschuhe zu einem sehr fairen Preis ergattern, die schon am nächsten Tag zum Einsatz kommen sollen, wenn eine Wanderung entlang des Capilano River ansteht.

Cambie Bridge

Diesen Ausflug genieße ich sehr: Wieder fahren wir mit dem Bus eine gute halbe Stunde und erreichen schließlich unseren Startpunkt, den monumentalen Cleveland Dam, der als Staumauer den Capilano Lake begrenzt. Von hier geht es knapp acht Kilometer im Dauerregen durch echten pazifischen Regenwald. Schon den zweiten, denn der Wald, der hier mal ursprünglich stand, ist der kanadischen Holzindustrie schon vor Jahrzehnten zum Opfer gefallen. Schönheit und das Gefühl von Ursprünglichkeit bringt aber auch dieser junge Wald mit sich: staunend betrachte ich die unglaublich satten Farben, unendliche Nuancen von Grün, pelziges Moos, das bis in die Baumkronen klettert, Farne, die überall den Boden bedecken und fast künstlerisch sich in den Berg schlingendes Wurzelwerk.

Nass bin ich zwar trotzdem, als wir schließlich die Pazifikküste erreichen, aber diese etwa zweieinhalb Stunden dauernde Wanderung hat mich erfüllt und glücklich gemacht. Mit einer anderen deutschen Backpackerin teile ich mir im Village Taphouse knuspriges Pita-Brot mit Hummus, der, im Gegensatz zu dem, den ich mir ein paar Tage vorher im Supermarkt gekauft habe, tatsächlich auch nach Hummus schmeckt.

Am Dienstag habe ich im Second Hand-Laden für Outdoor-Klamotten Jacy kennengelernt, dank deren Freundlichkeit mir die missglückte Kreditkartenzahlung weniger peinlich ist. Schon dort unterhalten wir uns angeregt, sie bietet mir sogar einen Schlafplatz für meine Zeit nach dem Hostel an. Nachdem unser Fahrer Pete uns wieder wohlbehalten an der Unterkunft abgeliefert hat, ziehe ich mich also nur schnell um und treffe sie am Commercial Drive, im Herzen von Ost-Vancouver, auf einen Kaffee. Im Hostel sind unglaublich viele Deutsche und ich fühle mich noch unsicher, mich auf Englisch zu unterhalten. Umso mehr freue ich mich, in Jacy eine wohlwollende Gesprächspartnerin gefunden zu haben. Später sitzt sie mir gegenüber und fertigt auf dem iPad eine Zeichnung von mir an. Es ist einer dieser Momente, in denen mir bewusst wird: Ich sitze bei JJ Beans in Vancouver, es regnet nur ein bisschen, um mich herum englisches Stimmengewirr und eine junge Kanadierin, die mich mit routinierten Strichen skizziert. Verrückt, nicht?

Die Nacht war kurz, meine Zimmernachbarin ist am morgen ins Skiressort nach Banff aufgebrochen und ein, zwei Bier habe ich am Abend vorher wohl auch getrunken. Jedenfalls verabschiede ich mich an diesem ersten Freitag recht früh ins Bett, auch, weil ich mir für heute vorgenommen habe, ein bisschen meine weitere Zeit zu bahnen. Also verbringe ich den Samstagvormittag vor dem Computer und schreibe zwei Hosts bei Workaway, einer Plattform für Freiwilligenarbeit weltweit, an. Schon eine Stunde später antworten beide, mich gerne kennen lernen zu wollen. Es ist höchste Zeit, nach draußen zu gehen, denn einer der raren Sonnentage in Vancouver erwarten uns. Alba – kreativ und unkonventionell, aus Rostock – und ich machen uns zu Fuß über die Granville Bridge auf in den Bezirk Kitsilano. Hier genießen wir am Strand ein atemberaubendes Bergpanorama hinter den Hochhäusern der Stadt.

Granville Bridge, Blick auf die Burrard Bridge
Kitsilano Beach

Später spaziere ich auf eigene Faust, Musik in den Ohren, am Ufer entlang und kann meinen Blick nicht von der fast unwirklich schönen Kulisse abwenden, während die Sonne am Horizont im Pazifik versinkt und die schneebedeckten Berggipfel in einem kräftigen Rosa schimmern lässt. Der Mond, so groß, dass ich zwei Mal hinsehen muss, taucht in der Skyline auf und ich komme aus dem Strahlen nicht mehr raus. Hier ist es einfach wunderschön.

Mein Weg zurück führt mich diesmal über die Burrard Bridge, unter mir fließt der False Creek, abertausende Lichter blinken vom Ufer zu mir hinauf, während die Davie Street mich zurück nach Downtown führt.

Höchste Zeit für einen Teller Pasta mit Pesto; die Küche im Hostel ist super ausgestattet und allabendlich von den unterschiedlichsten Gerüchen erfüllt.

Ich kann mir also vorstellen, noch zwei bis drei Wochen hier in der Stadt zu verbringen und hoffe, dass mich einer der Hosts bald aufnehmen und meine Ausgaben für die Unterkunft so drastisch senken kann. In und um Vancouver bleibt noch einiges zu entdecken und ein Paket mit meiner Skijacke aus Deutschland erwarte ich ohnehin noch. Am Montag geht es erstmal zu einem der Sportereignisse Kanadas: einem Eishockeyspiel. Ich freue mich sehr!
Jetzt: 20 nach acht, ich hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank, suche die Bilder zusammen, die diese ersten sechs Tage illustrieren. Meine lieben Menschen: ich umarme euch, danke, dass ihr immer für mich da seid. Bis ganz bald.

Ein Kommentar zu „Ankommen

  1. Wie, wunderschön Mausi. Du bist echt poetisch unterwegs, sehr mitreißende und gefühlvolle Beschreibungen gelingen dir offenbar mühelos. Dein Bruder genießt es sehr das an einem Sonntag Morgen in Wiesbaden zu lesen.
    Hdl

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